Wer ist Schiffsführer?

  • Praktische Frage: Gibt es solche „Logbücher“ auf Charteryachten überhaupt? Oder ist die Schiffsführerschaft dort nicht schon automatisch im Charter-Vertrag festgehalten?

    Im Rahmen der Vercharterung übernimmt der Schiffsführer das Boot und legt auch seine Qualifikationsnachweise vor. Das ist dann auch dokumentiert und u.a. vom Schiffsführer unterschrieben. Einmal chartern und dann weiß man es.

  • so absolut würde ich das nicht sehen, wenn ich chartere unterschreibe ich den Vertrag. Später kommt eine Blanko Crewliste, hier kann als Skipper jeder andere eingesetzt werden. Diese Crewliste kommt dann (gerede wieder in Griechenland erlebt) zu den Bootspapieren. Allerdings hafte ich als Vertragspartner wohl dem Vercharterer gegenüber. Im Falle eines Unfalles wird vor Gericht der Skipper, nicht der Vertragsunterszeichner haften.


    Gruß Odysseus

  • In etwa erinnere ich mich an Charterverträge, die wie die vorher erwähnten, dem Charterskipper sogar verboten, ohne Zustimmung des Vercharterers einen anderen Schiffsführer zu bestimmen. Von Krankheit war da die Rede und medizinischen Gründen - nicht von beidseitiger Gesichtslähmung nach Genuss von Pastis resp. Anisado (!?)

  • Danke für die Klärung. Ich bin zwar neuerdings mit dem SBF ausgestattet, aber ich bin total unerfahren. Wir buchen daher eine Charteryacht mit Profi-Skipper, somit nehme ich an, ist schon im Vorfeld alles gesagt und festgeschrieben, wer auf dem Schiff die Verantwortung und das Sagen hat.


    Die zweite Frage ist: Kann man unbeabsichtigt in die Rolle des verantwortlichen Schiffsführers geraten, weil man die Qualifikation dazu hat und es die Situation erfordert? Extremfall: Skipper geht über Bord.


    Es ist nur ein theoretisches Gedankenspiel: Wer ist jetzt Schiffsführer? Haben wir unter diesen Umständen rechtlich gesehen eine führerlose Yacht mit einer Crew, die im Idealfall ihr Bestes gibt, den Skipper zu retten, oder wird man in dieser Situation automatisch zum verantwortlichen Schiffsführer, weil man ggf. das einzige Crewmitglied an Board ist, das einen Schein besitzt?


    Könnte man sozusagen wieder Willen zum Skipper werden?

  • Bei uns war es immer so, dass ein Co-Skipper vor der Abfahrt bestimmt wurde, falls unser Profiskipper mal ausfällt. Das sollte dann jemand sein, der im Notfall die Yacht auch steuern könnte. Falls Du also der einzige mit einem SBF See bist, ist die Wahrscheinlichkeit hoch, dass du das dann auch wirst.


    Das hat aber auch seine guten Seiten. Wenn Du einen verantwortungsvollen Skipper hast, wird er Dich in viele Dinge einweisen und Dich auch viel machen lassen. So kannst Du auch viel lernen. Und das ist ja auch der Sinn von Chartern mit Skipper, wenn man das Ziel hat, es irgendwann mal alleine zu schaffen.

    Gruß, Marc.

  • Zumindest nach deutschem Recht wird der Skipper bestimmt, automatisch passiert da nix.


    VG

    Holger

    Und sein Vertreter auch.

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    Autokorrektur ist grässlich!
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  • Das Schiffstagebuch gehört zum Schiff und ist Eigentum des Eigners

    Allerdings habe ich noch auf keinem Charterboot eines vorgefunden.

    Das ist der Punkt. :traurig1:
    Wenn auf dem Charterschiff keins ist, was in der Regel der Fall ist, trägt der Skipper die Einträge wo ein?
    Logischerweise in ein eigenes Logbuch.

  • Zumindest nach deutschem Recht wird der Skipper bestimmt

    Auf einem türkisch beflaggten Boot eines griechischen Vercharterers in Tunesien, weil der Skipper die spanische Fliege nicht vertragen hat.


    Erinnert mich an einen Lehrsatz meiner Oma: "Solang das deutsche Reich besteht, rechtsrum sich die Schraube dreht."* Und ich konnte mir nie merken, ob sie sich rechtsrum auf oder zu dreht.


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    * lieber Protestbuttondrücker: es handelt sich heute um einen Anachronismus, ein wörtliches Zitat eines Menschen, der nach drei Staatsformen in der vierten die Unterschiede verschliff. Trotzdem zeigt es, dass nicht ewig oder universell ist, nichtmal unsere Gesetze.

  • Auf einem türkisch beflaggten Boot eines griechischen Vercharterers in Tunesien, weil der Skipper die spanische Fliege nicht vertragen hat.

    Ich habe mir halt angewöhnt, nur zu schreiben, was ich weiß :whistle2:

    Vermutungen werden von mir i.d.R. extra so gekennzeichnet :winking_face:

    Also: Ich vermute, dass auf keinem Schiff der Welt irgendjemand "automatisch" Schiffsführer wird. Vielleicht durch zuvor festgelegte Rangfolgen, Notfallrollen etc. Nicht mal, wenn nur noch eine Person an Bord ist. Der würde vielleicht durch sein Handeln zum Schiffsführer, aber nicht automatisch.


    VG

    Holger

    Unser Blog: Schlickspur.de (NEU!) - Unser YT-Kanal: SY Slocum

    Mein Blog für alles andere: Lerigau.de
    SF-Zitat des Monats: "...Aber Hauptsache A&M schmieren sich vegane Pampe aufs Brot."

  • Dem halte ich entgegen, dass z.B. im SBF gefragt wird, was zu tun sei, wenn mehrere Personen die Qualifikation num Schiffsführer hätten. Dann sei ein Schiffsführer festzulegen.


    Wenn ich der einzige an Bord mit SBF bin, dann bin ich selbstverständlich automatisch der Schiffsführer. Da muss nichts festgelegt werden. Zumindest in Deutschland.


    Dementsprechend wird m.E. auch ggf. der einzige verbleibende SBF-Inhaber automatisch zum Schiffsführer, wenn der ursprünglich eingesetzte Skipper ausfällt.


    Schöne Grüße,


    Roman

    A ship in a harbour is safe, but that is not what ships are built for !

  • so absolut würde ich das nicht sehen, wenn ich chartere unterschreibe ich den Vertrag. Später kommt eine Blanko Crewliste, hier kann als Skipper jeder andere eingesetzt werden. Diese Crewliste kommt dann (gerede wieder in Griechenland erlebt) zu den Bootspapieren. Allerdings hafte ich als Vertragspartner wohl dem Vercharterer gegenüber. Im Falle eines Unfalles wird vor Gericht der Skipper, nicht der Vertragsunterszeichner haften.


    Gruß Odysseus

    Ich habe früher öfters gechartert und ein anderer war Skipper. Das ist kein Problem, aber trotzdem werden die Nachweise des Skippers bereits beim Chartervertrag vorgelegt. Änderungen sind natürlich möglich. Es wird in jedem Fall das auch vor Ort noch mal überprüft. Wenn es losgeht ist das ganz klar geklärt wer der Skipper ist. Auch die Bootsübergabe erfolgt nur an den Skipper.


    PS: Ich beziehe mich hier nur auf das Chartern !

  • Das ist kein Problem, aber trotzdem werden die Nachweise des Skippers bereits beim Chartervertrag vorgelegt.

    Das trifft definitiv nicht immer/überall zu. Die letzten Jahre in Griechenland wurde bei Vertragsabschluss keine Nachweise des Skippers verlangt. Eine Crewliste mit Angabe des Skippers 3 Wochen vor Charterbeginn, bei Übernahme vor Ort wurde erst nach den Scheinen gefragt und eine Kopie der Befähigungsnachweise Skipper/Coskipper angefertigt.

    Vielleicht sollten wir hier erwähnen wo gechartert wird, woher die Erfahrungen kommen.


    Gruß Odysseus

  • Leuchte des Nordens: Danke für Deine Hinweis. Da ich immer gerne dazulerne, hast Du auch eine Quelle dafür?


    Danke und schöne Grüße,


    Roman

    A ship in a harbour is safe, but that is not what ships are built for !

  • Leuchte des Nordens: Danke für Deine Hinweis. Da ich immer gerne dazulerne, hast Du auch eine Quelle dafür?


    Danke und schöne Grüße,


    Roman

    Man(n) muss Fehler auch eingestehen können, was ich hiermit auch dann gern mache. Meine rechtliche Wertung war falsch. Deswegen streiche ich meine Aussage nicht nur gedanklich, sondern nehme Abstand ... war unzutreffend, was ich geäußert habe. Deine Wertung war dagegen zutreffend. Sry!

  • Kein Grund zur Entschuldigung; deswegen diskutieren wir ja hier, um abweichende Meinungen, Interpetationen etc. zusammenzutragen und dann ggf. auch mal zu revidieren. Wenn jeder mit der gleichen Meinung hier rausginge, mit der er gekommen ist, wäre das Forum für die Katz.


    Aber, obwohl Du Dich meiner Meinung nun angeschlossen hast, bleibt die Frage: Auf welcher Grundlage? Denn dass ich keine sehr belastbare Basis für diese Meinung geliefert habe, ist mir auch klar...


    Schöne Grüße,


    Roman

    A ship in a harbour is safe, but that is not what ships are built for !

  • Zunächst herzlichen Dank für die interessierte und sachliche Art der Auseinandersetzung in diesem Forum.


    Vielleicht muss ich etwas zu den Hintergründen meiner Ergänzungsfrage erläutern. Ich frage, weil ich mich momentan mit dem Erwerb von Scheinen beschäftige - nicht um verantwortlicher Schiffsführer zu werden, sondern um als letzter Notnagel fungieren zu können.


    Als gelegentlicher Passagier eines Einhand-Seglers habe ich eine Diskrepanz zwischen meinen eigenen Fähigkeiten und meinen Aufgaben im krassen Notfall wahrgenommen. Man fragt sich gelegentlich: Was machste, wenn jetzt was passiert und der Skipper ausfällt. Um dieser Diskrepanz zu begegnen, habe ich mich für Weiterbildung entschieden. Eben noch Fender-Boy, habe ich jetzt den SBF See und peile den SCR an.


    Nehmen wir an: Man sitzt nun in der Rolle des unbeschwerten Passagiers an Deck, einen Gin-Tonic in der Hand, denkt an nichts Böses und plötzlich kommt eine Situation vergleichbar mit dem launigen Flugzeug-Beispiel aus einem früheren Post: „Ist zufällig ein Pilot an Board?“


    Ist man dann mit dem SBF in der Tasche plötzlich automatisch verantwortlicher Schiffsführer, bloß weil man einen F.-Schein in der Tasche hat? Das wäre dann mehr Verantwortung, als gedacht.


    Zurück zu der von mir wahrgenommenen Diskrepanz wischen meinen Fähigkeiten und möglichen Aufgaben im Notfall. Ich habe den SBF in der Absicht gemacht, diese Diskrepanz zu verringern. Also habe ich meine Fähigkeiten ein wenig hochgeschraubt und gedacht, die Diskrepanz würde mit dem Erwerb des SBF kleiner. Ich stelle gerade fest, dass die Diskrepanz durch den Erwerb des SBF See jetzt eventuell sogar größer geworden ist, denn mit dem Schein in der Tasche wird man von mir im Notfall mehr erwarten, als von einer Rudergänger-Landratte.


    Vielleicht wäre es besser gewesen, Laie ohne Schein zu bleiben. Stattdessen hätte ich mir lieber nur zeigen lassen sollen, was im Notfall zu tun ist.

  • Da gehst Du m.E. etwas zu juristisch dran:

    Wenn Du mit einem erfahrenen Schiffsführer (und ggf. noch anderer Crew) unterwegs bist und besagter Schiffsführer fällt aus (sei es, dass er über Bord fällt, sei es dass er sich illeglerweise betrinkt oder was auch immer passiert, dass er nicht in der Lage ist, das Schiff zu führen), dann kommt es nicht darauf an, was irgendjemand von Dir erwartet, sondern darauf, was Du kannst. Es geht dann nämlich nicht darum, keinen Strafzettel zu bekommen, sondern darum, das Schiff und seine (vorzugsweise komplette) Besatzung heil in einen Hafen zu bekommen. Und da kommt Dir im allgemeinen jede Kompetenz, die Du irgendwann mal erworben hast zugute. Und ob Du bei der Aktion der juristisch wasserdichte "Schiffsführer" bist, oder nur der Dumme, der das Pech hat, die Situation rtten zu müssen, ist völlig wumpe und rein akademisch.


    Insofern war die Entscheidung, SBF und SRC zu machen m.E. die richtige, die Überlegung, das besser sein zu lassen ist m.E. falsch.


    Schöne Grüße,


    Roman

    A ship in a harbour is safe, but that is not what ships are built for !

  • Ja, ich gebe zu, ich betrachte das theoretisch und aus haftungsrechtlicher Perspektive. Ich mag solche Gedankenspiele.


    Sackt der Fahrer eines PKW auf der Autobahn mit Herzinfarkt am Steuer zusammen, wird der Beifahrer, der die Situation nun durch einen beherzten Griff ins Lenkrad zu retten versucht und dabei noch zehn Autos rammt, meiner Meinung nach nicht zum Fahrzeugführer im juristischen Sinn. Da wird man dem Beifahrer im Nachhinein keine Vorwürfe machen. Dabei ist es m. E. unerheblich, ob der Beifahrer einen Führerschein hat, oder nicht.


    Wenn das bei einem Schiff anders wäre, müsste ich als „Beifahrer“ auf einem Schiff umdenken. Dass Schiffe rechtlich gelegentlich anders funktionieren, als PKW ist mir bewusst. Der verantwortliche Fahrzeugführer (Schiff) kann einem Crewmitglied ohne Führerschein z. B. das Ruder überlassen. Das geht beim PKW nicht.


    Man könnte nun Grauzonen betrachten, bei denen der Skipper krank unter Deck liegt, aber noch Anweisungen geben kann. Das zu beleuchten, finde ich schwierig.


    Nehmen wir den eindeutigeren Fall an: Ich übernehme das Steuer als Rudergänger. Während dieser Wache geht der Skipper über Bord. Bin ich dann rechtlich gesehen, weiter Rudergänger juristisch vergleichbar mit dem Beifahrer im PKW Beispiel der einfach sein Bestes gibt. Oder bin ich dann automatisch der haftbare Fahrzeugführer, der die volle zivil- und strafrechtliche Verantwortung für die Sicherheit von Schiff und Besatzung trägt.


    Ich finde diese Abgrenzungsfrage nicht unwichtig.