Hat ein Beruf in der Berufsschifffahrt eine Zukunft?

  • Schiffe ohne Besatzung, da werden selbst auf lange Sicht die Versicherungen wohl nicht mitspielen.


    Diese Aussage basiert auf deiner jahrzehntelange Erfahrung im maritimen Versicherungswesen? Oder möchtest du das evtl nicht als absolute Aussage in den Raum stellen, sondern lieber als Arbeitstheorie?

  • Nautiker und Techniker wird es immer geben auf Schiffen. Die Anforderungen werden sich ein wenig ändern. Ich bin gerade auf einem Schiff mit sehr viel high Tech. Da braucht es eher nen Elektroniker.

    Man darf sich die Seefahrt nicht mehr wie in den Filmen mit Seekarten und klassischen Sinne vorstellen. Astronavigation, nicht mehr gelehrt, geht auch kaum noch auf Grund von Kartenmaterial. Wir haben nicht eine papier Seekarte mehr an Bord, dafür drei ECDIS. Faktisch alles läuft über Computer und teilweise Touchscreen.

    Die Wartung ist das einzige was sich nicht verändert hat. Ein Rosthammer gibt es immer noch. Die Administrationsarbeit wird immer mehr. Papier und Büro wird immer mehr.

    Trotzdem wird der Seemann immer gebraucht werden.

    Aber man sollte eben sich im klaren sein, das es nicht mehr das Berufsbild ist, was man sich klassischerweise so vorstellt.

  • Nautiker und Techniker wird es immer geben auf Schiffen.

    Ich könnte mir denken das beides verschmilzt, wie das ja mal schon im Hamburg mit dem Sudium Schiffsbetrieb gemacht wurde. Der Ingenieur bekommt halt noch ein bischen Nautik dazu, wenn der Autopilot ausfällt. Im Revier kommen mit dem Lotsen die Reviernautiker und Kapitän an Bord. Routenplanumng und Admin wird an Land gemacht.


    Irgendwann wird das AIS Ausweichempfehlungen geben und der Nautiker hat sich daran zu halten wie das heute schon mit TCAS in der Luftfahrt der Fall ist.

  • Im flugverkehr kann man auch Ausrüstung allen vorschreiben.

    Erkläre Mal einem indonesischen Fischer auf seinem Einbaum das er ein AIS einbauen soll.

    Die IMO ist mit seinen Ausrüstungsvorschriften dem Flugverkehr um Jahrzehnte hinterher.

    Wenn man eine Automation haben will, dann müssen alle Teilnehmer, auch Segler, entsprechend ausgerüstet sein.


    Willst du für dein Boot eine Ausrüstungspflicht haben und dann auch gleich nen Generator für den Strom dafür?

  • Im flugverkehr kann man auch Ausrüstung allen vorschreiben.

    Auch im Flugverkehr gibt es unterschiedliche Ausrüstungsstände, UL, Gleitschirnflieger haben keine Transponder. Was im Seeverkehr irgendwann passieren kann, das man ohne gewisse Ausrüstung z.B AIS gewisse Seegebiete nicht mehr befahren darf. Ist heut im Luftverkehr gelebte Praxis. Und nein, die paar Freizeitskipper werden den Welthandel nicht in der Weiterentwicklung aufhalten.

  • Trotzdem wird der Seemann immer gebraucht werden.

    Aber nicht mehr die ganze Zeit. Gerade ein Schiff hat perfekte Voraussetzungen um einen großen Teil seiner Strecke autonom zu fahren. Es ist langsam, hat Platz auf dem Wasser, hat sehr viel Platz für die Einbauten, die benötigt werden um seine Umgebung wahrzunehmen. Ich gehe davon aus, dass in 20 Jahren von den neu gebauten Containerschiffen und Tankern mehr autonom fahren als manuell gesteuert werden. Parallel wird sich vermutlich die Aufgaben der Lotsen ändern, sie übernehmen dann die letzten drei Meilen.

  • Moin,

    Aber nicht mehr die ganze Zeit. Gerade ein Schiff hat perfekte Voraussetzungen um einen großen Teil seiner Strecke autonom zu fahren. Es ist langsam, hat Platz auf dem Wasser, hat sehr viel Platz für die Einbauten, die benötigt werden um seine Umgebung wahrzunehmen. Ich gehe davon aus, dass in 20 Jahren von den neu gebauten Containerschiffen und Tankern mehr autonom fahren als manuell gesteuert werden. Parallel wird sich vermutlich die Aufgaben der Lotsen ändern, sie übernehmen dann die letzten drei Meilen.

    das waren genau meine Gedanken, während ich diesen Faden las.


    Schiffe sind eigentlich am einfachsten automatisch von A nach B zu bringen. Dort warten sie, bis der Lotse an Bord kommt.

    Die Geschwindigkeit ist überschaubar und auf den Ozeanen ist Platz.

    Es braucht dann evtl. mehr Verkehrstrennungsgebiete.

    Mit AIS weiß auch jeder Kahn, was die anderen vorhaben. Da wäre denkbar, dass die ausgetauschten Daten noch so erweitert werden, dass 2 Schiffe direkt miteinander kommunizieren (also die Rechner) und so ihre Kursänderungen bei Annäherung "absprechen" können.


    Etwas schwieriger sind Flugzeuge. Die müssen auch sensorisch ihre Umgebung (dreidimensional) im Auge halten.

    Der Vorteil dabei ist, dass "Kreuzungen" einfach möglich sind, da die Höhe in stark frequentierten Gebieten aufgrund des Kurses vorgegeben ist.

    Automatisch Starten und Landen ist etwas kniffliger, geht aber auch (sogar das Space Shuttle konnte schon vor 40 Jahren automatisch landen)

    Die Frage dabei ist, ob die Passagiere mitspielen.

    Ich denke, dass bei funktionierenden Systemen zumindest der Co-Pilot wegfallen könnte, da der Pilot schon zum Backup mutiert.


    Am schwierigsten sind Autos. Denen reicht kein GPS.

    Straßen müssen auch unter widrigsten Umständen erkannt werden.

    Baustellen mit vielen Leuchtbaken, neuen Fahrbahnmarkierungen [wobei die alten (ungültigen) noch sichtbar sind] und nah der Fahrbahn rumlaufenden Bauarbeitern sind vom Rechenbedarf her die Hölle.

    Erschwerend kommt hinzu, dass zumindest am Anfang der größte Teil der anderen Autos manuell gelenkt werden, also bzgl. des Verhaltens schwierig vorherzusagen sind.

    Dann sind da noch Radfahrer und Fußgänger.

    Was da an Daten verarbeitet werden muss ist nicht mehr feierlich.

    Trotzdem wird dran gearbeitet.


    Schönen Gruß

    Markus

  • Schiffe sind eigentlich am einfachsten automatisch von A nach B zu bringen. Dort warten sie, bis der Lotse an Bord kommt.

    Die Geschwindigkeit ist überschaubar und auf den Ozeanen ist Platz.

    Es braucht dann evtl. mehr Verkehrstrennungsgebiete.

    Mit AIS weiß auch jeder Kahn, was die anderen vorhaben. Da wäre denkbar, dass die ausgetauschten Daten noch so erweitert werden, dass 2 Schiffe direkt miteinander kommunizieren (also die Rechner) und so ihre Kursänderungen bei Annäherung "absprechen" können.

    Die Sicht ist ein wenig stark vereinfacht. Der Gewinn durch Autonomie ist bei großen Schiffen eher gering. Schon heute fahren die Schiffe in der Passage fast ausschließlich unter Autopilot. Die Brückenbesatzung (1 - 2 Mann pro Wache) geht Ausguck. Der große Teil der Crew wird für Wartungsarbeiten benötigt. So ein Schiffsdiesel kann zwar vor der Brücke aus "gefahren" werden, benötigt jedoch auch auf der Passage Wartungs- und auch Reparaturarbeiten.

    Weiterhin benötigt die transportierte Ware Aufsicht und Pflege. So ein Kühlcontainer kann auch mal Ärger machen, Tanks müssen gereinigt / vorbereitet werden, Passagiere bespast werden, was auch immer.


    Auf den Passagen sind Wetterthematiken die Herausforderung, aber wirklich interessant wird es in engen Seegebieten, von der Straße von Malakka über Gibraltar und den Ärmelkanal bis hin zur Ostsee.


    Es gibt Projekte für die kooperative Kollisionsvermeidung mittels Austausch der Routenplanung über UKW Datenfunk (STM / VDES). Zu einer effektiven Einführung Bedarf es einer Resolution der IMO..... bis dann alle Schiffe ausgerüstet sind, wird es ein wenig dauern.

    Ich sehe die Autonomie in der Schifffahrt eher im lokalen Bereich - Fähre NOK - und bei Spezialanwendungen.
    Jan

  • Das würde ich komplett entgegengesetzt sehen. Autonomie ist für KFZ in meinen Augen am einfachsten zu realisieren (von der Bahn mal abgesehen).
    Warum?
    - die Straßen sind festgelegt, die Fahrbahnen bekannt

    - die Sensorik (Radar, Optische Sensoren) haben es mit überschaubaren Distanzen zu tun

    - es gibt (im Vergleich zu See- und Luftfahrt) zuverlässige und breitbandige Datenverbindungen

    - es gibt keine dritte Dimension wie in der Luftfahrt

    - es gibt weder Strom- noch Windversatz

    - ein KFZ lässt sich anhalten und gerät damit in einen sicheren Zustand

    usw..

    Daher halte ich autonomen Straßenverkehr (zumindest im Überlandbereich (Autobahnen)) für deutlich näher als in anderen Bereichen. Die Herausforderungen sind eher ethisch gelagert (Entscheidungsdilemma) oder in der Mentalität der Nutzer (gebe ich das Steuer aus der Hand?)

    Jan

  • Die Autonomie des Fahrens ist nur eine Seite der Medaille. Was ist mit den Wartungsarbeiten, die überwiegend während der Fahrt erledigt werden können? Das Fuelöl alleine braucht schon viel Infrastruktur. Während der Reise kann man Ventile fräsen, Pumpen reparieren, Elektronik reparieren, andere Fehlermeldungen abarbeiten. Es vergeht fast kein Tag an dem nichts zu tun wäre. Statt dessen Liegezeiten zu bezahlen, nur um den Arbeitslohn von 2 ... drei Matrosen zu sparen? Das wäre wohl am falschen Ende gespart. Vielleicht braucht man das bald nicht mehr. Vielleicht sind es aus CO2-Gründen schon bald Atomfrachter, die fahren werden.

    Autonom fahren ist auch bei Schienenfahrzeugen der Traum vieler Planer. Irgendwann werden dort die Hürden überwunden sein. Autonom zu fahren bedeutet dort vor allem, ein Vielfaches an Redundanzen vorzuhalten. Wenn ein Auto nicht mehr will, fährt es an den Rand. Bleiben Züge liegen oder treiben Schiffe, dann ist der Jammer groß.


    Während die Ideen zum autonomen Fahren in die 1940er Jahre reichen, ist seit 35 ... 40 Jahren vermehrt die Rede davon, dass es schon bald sein wird und auch ich bin inzwischen davon überzeugt.

  • Eine Autofähre ist nun in Japan vollständig autonom gefahren!


    > ausführlicher Originaltext in Englisch: The Nippon Foundation MEGURI 2040 Fully Autonomous Ship Program

    > deutscher Heise-Artikel: Autonome Schifffahrt: Mitsubishi lässt Autofähre vollautonom fahren


    Ich hätte das zu meinen Lebzeiten für prinzipiell möglich aber nicht für realistisch gehalten.

    Volker