Tidenstrom bei HW und NW nicht null

  • Eigentlich müsste der Tidenstrom bei HW und NW doch null sein, weil der Strom sich dann umdreht? In der Praxis ist das ja aber offensichtlich oft nicht der Fall.


    Weiß jemand, wie sich das erklären lässt?

  • Die Erklärung die ich gehört habe ist folgende.

    Während das Wasser in der Oberfläche zurück fließt, schiebt sich das neue Wasser bei Flut unter das Alte. Damit steigt zwar schon das Wasser, während es an der Oberfläche noch nicht die Richtung geändert hat.

  • Da gibts so viele Einflüsse die zu Wasserbewegung = "Strom" führen können, die nichts mit der Tide zu tun haben.


    Weil es bei HW und NW gerade tidenbedingt praktisch keine relevante Bewegung gibt, heißt es ja auch Stillwasser. Und es gibt Regionen, die man nur bei Stillwasser passieren kann.

  • Moin...


    wir haben in de Elbmündung und im ostfr. Watt immer gesagt: "es läuft noch eine Stunde nach"...


    Die Erklärung mit dem "unten kommt schon neues Wasser" hab ich auch schon oft gehört.


    :winking_face:

    Chris

  • Weil es bei HW und NW gerade tidenbedingt praktisch keine relevante Bewegung gibt, heißt es ja auch Stillwasser

    Naja eben gerade das nicht. Vor Calais zum Beispiel läuft es noch 3-4 Stunden (!) nach HW nach.

  • Hi Robulla,

    da haben wir ein Mistverständnis. Die Karte nimmt Bezug auf Cherbourg und ist nicht die HW oder NW. Also nur von kurz vorher und kurz nachher. Da ist dann schon wieder kleiner Strom. Die Strömungskarten im Atlas für die Niederlande haben jedenfalls eigene Karten für HW und NW. Und dann darf man ja nur bei dem Bezugspunkt Cherbourg nachsehen. Dort lese ich auf der Karte links zwischen 0,1 und 0,3 kn Strom. Das ist schon nicht wirklich viel und dann wohl bei der HW/NW-Karte = 0 = Stillwasser.

    Andere Orte kann man ja nur durch Aufrechnung des Bezugspunkes nehmen, weil die Tide die HW-/NW-Zeitpunkte ja verschiebt.

  • Gucksu was ich unten farblich markiert habe. Das ist 2h50 bzw 3h50 nach PM (Pleine mer, = HW) Calais und dazwischen passiert das Stillwasser.


    Aber mach mal dein Mansplaining :grinning_squinting_face:


    Nachtrag: noch das Bild für 4h50 nach HW Calais, wo der Strom dann jetzt wirklich gekentert ist

  • Was den meisten Leuten nicht klar ist: das weltweite Tiden-System ist kein simples rauf/runterlaufen des Wassers, sondern ein dynamisches Wellen-System, das im Southern Ocean generiert wird und von dort aus in unseren Norden läuft. Das Wellensystem umkreist die britischen Inseln und landet dann in der deutschen Bucht, wo es in die Ems, Weser und Elbe hineinrauscht. Durch den Englischen Kanal rauscht es natürlich auch (und bildet in der südwestlichen Nordsee einen lustigen Kreisel, der dazu führt, dass an der NL-Küste Niedrigwasser ist, während gleichzeitig gegenüber in UK Hochwasser ist - und umgekehrt).


    Und Wellen sind halt so: stellt Euch mal mit bloßen Beinen in die Welle am Strand. Wenn der Höhepunkt der Welle an den Beinen vorbeizieht, spürt man den stärksten Strom in Richtung Strand. Wenn der niedrigste Punkt (Niedrigwasser) vorbeizieht, zieht der Strom vom Strand weg. Und so erklärt sich schon mal, wieso bei HW/NW vor allem in größeren Gewässern nicht mit Stillwasser zu rechnen ist.


    Das Wellensystem erkärt übrigens auch, wieso in tidenabhängigen Flüssen nicht überall gleichzeitig auf- bzw. ablaufendes Wasser herrscht. Typischerweise beginnt an der Flussmündung das auflaufende Wasser, während weiter oben im Fluss noch ablaufendes Wasser herrscht. Beim flussaufwärts-fahren muss man das dann wie ein Surfer sehen, der vor der Welle abreitet.

  • Wir hatten hier schon mal das spitzfindige Thema "Flutstrom bei Ebbe" am Beispiel Cuxhaven.

    Ebbe ist lt. Deffinition die Zeit von HW - NW. Der Strom in Cux oder Brunsbüttel kentert aber erst 1 1/4 Stunde nach HW.

    Es gibt dafür einige Erklärungen. Nach meiner Meinung liegt es an der Massenträgheit. Eine ungeheuer lange Welle ist von der Tide beschleunigt und der Scheitel bestimmt das HW, nicht die Strömungsrichtung.

    Wie dem auch sei, der Strömungsatlas entscheidet, nicht die Uhrzeit.


    Gruß Franz

    halber Wind reicht völlig

  • Eigentlich müsste der Tidenstrom bei HW und NW doch null sein, weil der Strom sich dann umdreht? In der Praxis ist das ja aber offensichtlich oft nicht der Fall.


    Weiß jemand, wie sich das erklären lässt?

    HW und NW sind die Pegel am jeweiligen Standort.


    Beispiel Elbe:

    Bei Geesthacht endet die Tide der Elbe, da hier eine Staustufe ist. Selbst bei auflaufendem Wasser läuft hier die Strömung immer talwärts. (ein Extremfall, klar)

    Wenn bei Cuxhaven NW ist beginnt der Pegel wieder zu steigen, doch der Hauptstrom fliest (wird immer schwächer) noch ca. zwei Stunde nach.


    Stell dir mal die bewegte Masse vor: z.B. 10 Meter Tiefe und 500 Meter Breite (= 5000m²) bei 3 Knoten Strom = 7716 m³/sec (Kubikmeter pro Sekunde)!

    Und das auf der Länge der Elbe. Das muss erstmal gebremmst werden bevor der Hauptstrom kentert.


    Da der "Druck" (Strom) in den flachen Bereichen und auch in der Bodennähe viel geringer ist, kehrt sich hier der Strom viel früher um.

    Daher kommt es zum steigen der Pegel obwohl der Hauptstrom noch abfließt.

    Bei HW zu Ebbe ist das genauso, nur nicht so ausgeprägt, da das Wasser halt eher bergab fließen "will".


    Das Ganze macht man sich auch als Segler zu nutze.

    Wenn der Hauptstrom in die gewünschte Richtung läuft, fährt man am schnellsten im tiefen Wasser. Aber auch wenn die nächste Flutwelle einem schon entgegenkommt (z.B. Hamburg -> Cuxhaven), da diese noch länger bestehen bleibt während in den flachen Bereichen schon Gegenstrom zu beobachen ist.

    Möchte oder muss man gegen den Strom fahren, ist man gut in den flachen Bereichen aufgehoben, da hier der Gegenstrom geringer ist.


    Dazu kommt noch das man von Hamburg nach Cuxhaven weniger Zeit hat, da man der nächsten Flutwelle entgegen fährt. Das kompensiert man dadurch das man in Hamburg ca. eine Stunde vor HW Hamburg losfährt und die mitlaufende Tide nach Brunsbüttel noch mitnutzt obwohl der Pegel schon wieder steigt.

    Umgedreht hat man eine Stunde länger, da man auf der Flutwelle "mitreitet".

  • Das wo stattgefunden hat? :kez_08:

    Ich fand den Teil wo er mir erklärt hat, dass ich mich ja aber auf Cherbourg beziehe, er aber die Uhrzeiten zu Calais einfach nicht gesehen hat, und allgemein mir erklärte, wie so ein Strömungsatlas funktioniert schon etwas Mansplainig.

  • Hehe, nachdem ich jetzt mansplaining gegoogelt habe: Mansplaining war das ja nicht, eher Verständnisproblematik. Ich hab die Ausführungen von Robulla immer noch nicht verstanden, weil die Frage von HW und NW mit Wasserstillstand immer auf einen Fixpunkt, nicht auf ein Gebiet bezogen sein muss. Da helfen dann nach meiner Denke nur die Karten für diesen Bezug, nicht Stunden vor- oder nachher. Da ich aber bei der Arbeit bin und grundsätzlich unterstelle, dass Robulla Recht hat und ich einen Denkfehler, hab ich jetzt nicht die Zeit, meinen Denkfehler zu suchen. Das probiere ich dann später.

    Dass Stillwasser an verschiedenen Orten zu verschiedenen Zeiten ist, war für mich ja nicht die Frage. Sondern die Behauptung, dass an einem Fixpunkt bei Tidenumdrehung trotzdem tidebedingte Strömung sein soll. Die meinte ich nach der oben von Robulla geposteten Karte anhand des Kartenbezugspunktes, nicht Tidenbezugspunktes, im Sinne meines Beitrags zu verstehen.


    Aber das ist schon ein komplexes Thema, daher schaue ich mal, ob ich später Zeit und Klugheit habe, aus den beiden Stromatlasseiten schlauer zu werden.

  • pf Stillwasser im Sinne von „da ist dann keine Gezeitenströmung mehr“ ist am Beispiel von Calais bei ca 2h vor HW Calais und bei ca 3h50 nach HW Calais.

    Zu HW Calais strömt es da noch ordentlich (siehe Bilder, HW liegt zeitlich dazwischen), und eben noch nach.


    Das bedeutet, dass Hochwasser (oder auch Niedrigwasser) an einem Ort zeitlich nicht mit Stillwasser an diesem Ort übereinstimmen müssen.


    Bei den von mir geposteten Strömungskarten steht unten rechts immer der zeitliche Bezug zu HW Calais, zusätzlich zu „Hauptbezugsort“ Cherbourg

  • Weil es bei HW und NW gerade tidenbedingt praktisch keine relevante Bewegung gibt, heißt es ja auch Stillwasser.

    Nur zum Verständnis, das ist die Aussage auf die ich mich bezog und die schlicht und ergreifend falsch ist.


    Wenn du, wie oben erläuterst, mit HW Calais dort ausläufst und glaubst auf Stillwasser zu treffen, bist du eben schief gewickelt.

  • Nach meiner Meinung liegt es an der Massenträgheit.

    So ist es. Und wenn der Strom mehr Speed hat, wie in Cux, läuft er eben auch länger nach. Ist wie mit dem Fahrrad , da rollst du auch bergan, wenn du vorher schnell genug warst.

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